Monat: Juni 2016

Zugspitz Supertrail 2016: (K)ein Laufbericht.

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Ihr kennt diese guten Berichte, die einen Lauf detailliert beschreiben? Wie die Streckenführung war. Wie das Wetter war. Welche Verpflegung es an welchem VP gab. Welche Herausforderungen bei welcher Kilometermarke warteten. Welches Equipment sich bewährt hat. Ihr kennt diese Berichte, die ich so gerne und immer wieder lese, bevor ich eine Strecke zum ersten Mal in Angriff nehme?

Dieser Text ist keiner dieser Berichte.

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Denn wahrscheinlich bin ich immer noch zu sehr euphorisiert, um mich auf schnöde Fakten zu konzentrieren. Schließlich bin ich am Samstag weiter, höher und länger gelaufen als bisher in meinem doch recht langen Läuferleben. Ich bin durch Schneefelder geschlittert, habe meine Schuhe beinahe im Matsch verloren, stand bei strahlendem Sonnenschein im Regen am VP8 und aß Kuchen, wurde 50 Meter von einer Fledermaus begleitet, stakste durch knöcheltiefes kristallklares Bergwasser und konnte die letzten zwei Kilometer durch Grainau laufen. Flott laufen. Nach zehneinhalb Stunden und 61 Kilometern! Fuck, yeah!

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Obwohl ich seit 2005 laufe und bereits 2007 meinen ersten Marathon absolviert habe, kommt es mir vor, als hätte ich dieses Jahr erst so richtig mit Laufen begonnen. Der UTLW und jetzt der Supertrail haben meinen Fokus komplett verschoben. Wenn ich den ganzen Tag in der Natur unterwegs bin, gibt es nur mich und die Strecke. Sonst nichts. Keine blödsinnigen selbst gesteckten Zeitvorgaben, keine drängelnden Mitläufer, keine Gehetze, keine Ampeln, keine Autos. Es geht nur um mich und die Herausforderung, die die Natur mir in den Weg stellt. Da vorne ist der Berg. Ich bin unten und will da hoch. Egal wie lange es dauert und wie anstrengend es ist. Es ist so einfach. Es ist so schwierig.

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Es hat fast schon was Meditatives, wie sich mein Kopf dann leert und ich in der Lage bin, trotz aller Strapazen die Natur zu genießen. Viele Dinge, die mich sonst beschäftigen, kommen mir auf einmal völlig banal vor. Als meine Uhr am Sonntag zehn Kilometer vor dem Ziel schlapp machte, ärgerte mich das nicht mal. Zu dem Zeitpunkt stand ich gerade oben auf der Alpspitze, blickte ins Tal auf die Modelleisenbahn-Landschaft und wusste: Ich habe es geschafft. Verdammt, ich habe es tatsächlich geschafft! Kraft und Kondition haben gereicht und der Kopf hat auch mitgespielt. Ich wusste aber auch, dass der Weg runter nach Grainau kein Vergnügen werden würde und deswegen habe ich mir einfach Zeit gelassen. Um nichts in der Welt wollte ich mir das Finish nehmen lassen, schon gar nicht von einem blöden Sturz.

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Ja, der Zugspitz Supertrail war eine riesige Herausforderung, die mir alles abverlangt hat. Aber ich weiß nicht, ob ich sagen kann, dass sie mich an meine Grenzen gebracht hat. Denn der Gedanke, das Rennen vorzeitig zu beenden, kam mir überhaupt nie in den Sinn. Und die Cut-off Zeiten waren auch nie ein Thema. Im Gegenteil: Mit Erschrecken habe ich festgestellt, dass es gerade diese nicht enden wollenden Anstiege wie auf das Scharnitzjoch und die Alpspitze sind, die mir liegen. Ein Fuß vor den anderen, Stock links, Stock rechts, immer weiter, immer höher. Sowas kann ich. Vielleicht sogar etwas besser als andere. Die sammeln mich dann bergab sowieso wieder ein. Was ich auch festgestellt habe: Ich laufe am liebsten alleine. Natürlich gibt es überhaupt nichts gegen ein nettes Gespräch auf der Strecke einzuwenden und hin und wieder tut es auch gut, einen Anstieg gemeinsam anzugehen. Aber am schönsten war es auch in den Alpen für mich, wenn niemand in der Nähe war. Wie oben geschrieben: Es geht eben nur um mich. Da geht soweit, dass ich die gesamte Zeit ohne Musik gelaufen bin. Und ich laufe im Training nie ohne Musik.

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Als ich ins Ziel kam, war ich unfassbar stolz und ziemlich gerührt. Und wer mich kennt, wird bestätigen, dass ich eigentlich nie gerührt bin. Aber ich glaube, ich war selten so kurz davor, feuchte Augen zu bekommen wie auf den letzten zwei Kilometern durch Grainau. Alle jubelten mir zu. Nicht nur die Einheimischen und die Kinder, die ihre Hände zum Abklatschen hinhielten. Sondern auch schnellere Läufer, die sich ihre Medaille schon abgeholt hatte. Die genau wussten, was hinter mir lag. Und auch sie jubelten mir zu, feuerten mich an, beglückwünschten mich. Nicht von oben herab, weil sie schneller gewesen waren, sondern voller Anerkennung und Respekt. Gesichter, die ich den ganzen Tag über immer wieder auf der Strecke gesehen hatte, lächelten mich an. Läufer, mit denen ich den ganzen Tag über kein Wort gewechselt hatte, beglückwünschten mich im Ziel mit Handschlag. That’s the spirit. Auf der Strecke und auch davor und danach. Überhaupt war ich auch in diesem Jahr von der Stimmung in Grainau begeistert: Die Kombination aus internationalem Flair mit Startern aus der ganzen Welt in teuren Funktionsklamotten und der bayerischen Bierzelt-Zünftigkeit gefällt mir einfach. Umso schöner war es, auch in diesem Jahr wieder einige Läufer zu treffen, mit denen ich sonst nur per Twitter kommuniziere.

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Letztes Jahr konnte ein Video von Michael Arend
machen, als er als Sieger des Ultratrails ins Ziel kam. Dieses Jahr hatte ich unsere Unterkunft möglichst nah am Zielbereich gebucht, weil ich auch sehen wollte, wie Läufer mitten in der Nacht oder sogar erst am Sonntag Morgen ins Ziel kommen. 

Und so standen wir am Sonntag um kurz nach 9:00 im Zielbereich und applaudierten den Läufern, die im strömenden Regen als letzte die Ziellinie überquerten. Da war das Trio, das sein Finish mit einer Bierdusche feierte. Und der Holländer, der sich erstmal eine Zigarette drehte, nachdem er 26 Stunden in den Alpen war. Sechs-und-zwanzig Stunden!

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Und so verschieben sich die Perspektiven erneut. Letztes Jahr hielt ich es nach dem Basetrail XL nach 31 Kilometern und gut vier Stunden für undenkbar, die doppelte Distanz zu laufen. Nach knapp 63 Kilometern und 10:41 Stunden frage ich mich jetzt, wie zum Teufel man da noch 38 Kilometer dranhängen und den letzten Teil der Strecke im Dunkeln bewältigen kann. Vielleicht versuche ich irgendwann, das herauszufinden.

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Achja: Den 5.000 Zeichen langen Text, den ich geschrieben und wieder verworfen habe, veröffentliche ich eventuell später. Das ist nämlich einer dieser guten Berichte, die einen Lauf detailliert beschreiben und auf den ganzen philosophischen Mist verzichten.

Wer den Zugspitz Ultratrail noch aus anderen Perspektiven erleben möchte, sollte sich auf jeden Fall Flos kritischen Schnaufcast anhören, Stephans Video ansehen und Katrins Bericht (leider ohne Happy End) lesen.

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